Der Nationalpark Fertő–Hanság wurde 1991, unmittelbar nach der politischen Wende, gegründet, um die zuvor durch den Eisernen Vorhang abgeschlossenen Naturschätze und Lebensräume der Region zu bewahren, zu erhalten und erlebbar zu machen. Auf österreichischer Seite entstand 1992 der Nationalpark Neusiedler See–Seewinkel, der auch die Salzlacken des Seewinkels umfasst. Die feierliche Eröffnung des gemeinsamen ungarisch–österreichischen Nationalparks fand 1994 statt. Der ungarische Teil weist eine mosaikartige Struktur auf: Er umfasst die Landschaft des Neusiedler Sees, den Hanság, das Rábaköz, das Tóköz sowie die Auenlandschaft der Répce.
Seit Herbst 1993 befindet sich die Direktion im „Kócsagvár“ in Sarród (Schrollen), das von József Koller und Terézia Zambó entworfen wurde. Bei der Gestaltung des Gebäudes war die Verwendung natürlicher Materialien – vor allem Schilf und Holz – ebenso wichtig wie die Erinnerung an die Geschichte und Traditionen der Region. Zum Gedenken an die frühere Fähre und den Bootshafen entstand eine an ein Fischerdorf erinnernde Bauweise, bei der um das Hauptgebäude sechs kleinere Häuser gruppiert wurden. Die Fassadenmotive wurden von den Bauernhäusern der umliegenden Dörfer übernommen, sodass die lokale Gemeinschaft symbolisch im Zentrum des Nationalparks präsent ist.
Das „Kócsagvár“ ist nicht nur architektonisch, sondern auch ökologisch wertvoll. Der kleine Wald ringsum und das dahinterliegende Schilfmoor bieten zahlreichen Tierarten Lebensraum. Im Frühling erfüllt eine Vielzahl von Singvögeln das Gebiet mit Leben, die angebrachten Fledermauskästen werden regelmäßig besiedelt, und selbst im Dachboden nisten neben Fledermäusen auch Schleiereule und Steinkauz. Diese Arten verdeutlichen gemeinsam, dass das „Kócsagvár“ und seine Umgebung nicht nur ein Zentrum des Naturschutzes, sondern auch ein echtes Biotop darstellen.
In Ungarn, so auch im Nationalpark Fertő–Hanság, lassen sich die Aufgaben des Naturschutzes in fünf Hauptbereiche gliedern: fachliche Unterstützung der behördlichen Arbeit, Betreuung und Bewachung der Schutzgebiete, Organisation von Forschungsarbeiten, Umweltbildung und Bewusstseinsbildung sowie die Förderung eines sanften Tourismus. Von besonderer Bedeutung ist die Erhaltung und Rekonstruktion von Lebensräumen, da in dem dicht besiedelten Europa kaum unberührte Landschaften verblieben sind. Die Bewahrung traditioneller, extensiver Wirtschaftsformen trägt zum Fortbestand der Biodiversität bei, während die schädlichen Auswirkungen intensiver Landwirtschaft durch gesetzliche Regelungen und wirtschaftliche Instrumente eingedämmt werden müssen.



